Die Geschichte des Taekwondo
Taekwondo bedeutet sinngemäß „der Weg des Fußes und der Faust“: Tae steht für den Fuß, Kwon für die Faust und Do für den Weg. Als moderne Kampfkunst ist Taekwondo jung – seine Wurzeln reichen aber weit in die koreanische Geschichte zurück.
Die Wurzeln: Subak und die drei Königreiche
Die Geschichte beginnt in der Zeit, als Korea aus drei Königreichen bestand: im Norden Goguryeo, im Westen Baekje und im Südosten Silla. Silla einte die Halbinsel im 7. Jahrhundert. In Silla gab es die Hwarang, eine Gemeinschaft junger Adeliger, die in Kriegskunst, Bildung und Ethik ausgebildet wurde. Ob sie dabei auch Subak übten, eine alte Form des waffenlosen Kampfes, wird oft erzählt – belegt ist es nicht.
Vielfach tauchen Abbildungen von Kämpfern aus Wandmalereien in den Goguryeo-Gräbern auf. Sie zeigen, dass in Korea schon früh waffenlos gekämpft wurde. Eine direkte Verbindung zum heutigen Taekwondo lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Taekkyon: die Kampfkunst des Volkes
In der Joseon-Zeit war Taekkyon vor allem beim einfachen Volk verbreitet. Typisch sind fließende, fast tänzerische Bewegungen, bei denen die Beine eine ebenso große Rolle spielen wie die Hände. Während der japanischen Besatzung geriet Taekkyon beinahe in Vergessenheit. Dass es überlebt hat, ist vor allem dem Meister Song Deok-gi zu verdanken. 1983 wurde Taekkyon in Südkorea als Kulturgut geschützt, und 2011 nahm die UNESCO es als erste Kampfkunst überhaupt in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf.

Auch am Königshof wurde die Kampfkunst gepflegt: 1790 ließ König Jeongjo das MilitärhandbuchMuye Dobo Tongji zusammenstellen, an dem unter anderem der Gelehrte Yi Deok-mu mitarbeitete. Es beschreibt 24 Kampftechniken für Soldaten, die meisten davon mit Waffen. Ein Kapitel ist dem waffenlosen Kampf gewidmet, dem Gwonbeop nach chinesischem Vorbild.

Die Besatzungszeit
Von 1910 bis 1945 war Korea von Japan besetzt. Koreanische Traditionen, darunter auch die eigenen Kampfkünste, wurden in dieser Zeit unterdrückt. Gleichzeitig kamen japanische Kampfkünste wie Judo, Kendo und Karate ins Land. Viele junge Koreaner lernten Karate während ihres Studiums in Japan, einige auch chinesische Kampfkünste in der Mandschurei.
Die fünf ursprünglichen Kampfschulen
Zwischen 1944 und 1946 gründeten Koreaner, die im Ausland Kampfkünste gelernt hatten, in Seoul und Kaesong die ersten eigenen Schulen, die sogenannten Kwan. Unterrichtet wurde zunächst vor allem Karate unter koreanischen Namen wie Tang Soo Do oder Kong Soo Do. Aus diesen fünf Schulen ist das heutige Taekwondo hervorgegangen:
Chung Do Kwan 1944
Lee Won-kuk
Lernte während seines Studiums in Tokio Shotokan-Karate und unterrichtete in Seoul Tang Soo Do.
Song Moo Kwan 1944
Ro Byung-jik
Lernte ebenfalls Shotokan-Karate in Japan und gründete seine Schule in Kaesong.
Moo Duk Kwan 1945
Hwang Kee
Beschäftigte sich nach eigenen Angaben in der Mandschurei mit chinesischen Kampfkünsten und mit Karate. Er unterrichtete Hwa Soo Do und Tang Soo Do, später Soo Bahk Do.
Yun Moo Kwan 1946
Chun Sang-sup
Lernte in Japan Judo und Karate und unterrichtete Kong Soo Do in einer Judoschule in Seoul.
Chang Moo Kwan 1946
Yoon Byung-in
Lernte in der Mandschurei chinesisches Quanfa (Kung-Fu) und in Japan Shudokan-Karate. Er unterrichtete Kwon Bop im YMCA in Seoul.
Ein gemeinsamer Name
Der Koreakrieg (1950–1953) traf auch die jungen Schulen hart: Einige Gründer kamen ums Leben oder gingen verloren, andere verließen das Land, und ihre Schüler führten die Schulen weiter. Neue Kwan entstanden, unter anderem in der Armee unter General Choi Hong-hi. Allmählich lösten sich die Schulen vom japanischen Vorbild: Die Techniken wurden weiterentwickelt, vor allem die Fußtechniken, die heute das Markenzeichen des Taekwondo sind.
Am 11. April 1955 einigte sich eine Kommission auf den Namen Taekwon-Do, den Choi Hong-hi vorgeschlagen hatte. Er sollte auch an das traditionelle Taekkyon erinnern. Bis sich der Name bei allen Schulen durchsetzte, dauerte es allerdings noch einige Jahre.
Vom Verband zur Weltsportart
Aus dem gemeinsamen Ursprung gingen zwei internationale Verbände hervor, die bis heute nebeneinander bestehen: die International Taekwon-Do Federation (ITF) und World Taekwondo gemeinsam mit dem Kukkiwon.

- 1955
Der Name „Taekwondo“ wird von einer Kommission aus Meistern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens festgelegt.
- 1959
Gründung der Korea Taekwondo Association als gemeinsamer Verband der Schulen.
- 1966
General Choi Hong-hi gründet die International Taekwon-Do Federation (ITF).
- 1972
Eröffnung des Kukkiwon in Seoul, das bis heute als Weltzentrum des Taekwondo die Dan-Grade vergibt.
- 1973
Gründung der World Taekwondo Federation (WTF, seit 2017 „World Taekwondo“) und erste Weltmeisterschaft in Seoul.
- 1988
Taekwondo ist Demonstrationssportart bei den Olympischen Spielen in Seoul, 1992 erneut in Barcelona.
- 2000
In Sydney ist Taekwondo erstmals offizielle olympische Sportart.
- 2021
Para-Taekwondo feiert bei den Paralympischen Spielen in Tokio Premiere.
World Taekwondo und ITF: Was ist der Unterschied?
Beide Richtungen haben dieselben Wurzeln, und in beiden werden Grundtechniken, Formen, Zweikampf und Selbstverteidigung trainiert. Getrennt haben sich die Wege vor allem aus politischen Gründen: Choi Hong-hi verließ Südkorea 1972 und führte die ITF aus dem Ausland weiter, während in Seoul das Kukkiwon und die WTF entstanden. Nach Chois Tod im Jahr 2002 zerfiel die ITF außerdem in mehrere Verbände, die alle denselben Namen tragen.

Im Training und im Wettkampf zeigen sich die Unterschiede vor allem hier:
| Merkmal | World Taekwondo & Kukkiwon | ITF |
|---|---|---|
| Gegründet | Kukkiwon 1972, WTF 1973 – beide in Seoul | 1966 in Seoul, ab 1972 mit Sitz im Ausland |
| Schreibweise | Taekwondo | meist Taekwon-Do |
| Formen | Poomsae: Taegeuk 1–8 für die Schülergrade, danach Koryo, Keumgang und weitere | Tul: 24 Formen, etwa Chon-Ji und Dan-Gun |
| Zweikampf | Vollkontakt mit Kopf- und Körperschutz und elektronischer Trefferwertung; Fauststöße zum Kopf sind verboten | meist Leichtkontakt mit Hand- und Fußschützern; Faust- und Fußtechniken zum Kopf sind erlaubt |
| Graduierungen | Dan-Urkunden des Kukkiwon, für Kinder unter 15 Jahren Poom-Grade | Dan-Grade über den jeweiligen ITF-Verband |
| Olympia | olympische Sportart seit 2000 | nicht olympisch |
