Die Wurzeln: Subak und die drei Königreiche

Die Geschichte beginnt in der Zeit, als Korea aus drei Königreichen bestand: im Norden Goguryeo, im Westen Baekje und im Südosten Silla. Silla einte die Halbinsel im 7. Jahrhundert. In Silla gab es die Hwarang, eine Gemeinschaft junger Adeliger, die in Kriegskunst, Bildung und Ethik ausgebildet wurde. Ob sie dabei auch Subak übten, eine alte Form des waffenlosen Kampfes, wird oft erzählt – belegt ist es nicht.

Vielfach tauchen Abbildungen von Kämpfern aus Wandmalereien in den Goguryeo-Gräbern auf. Sie zeigen, dass in Korea schon früh waffenlos gekämpft wurde. Eine direkte Verbindung zum heutigen Taekwondo lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Verblasste Wandmalerei: zwei Männer im Ringkampf unter einem Baum, daneben ein Zuschauer
Ringkampfszene in der Grabanlage Gakjeochong aus dem Königreich Goguryeo (4.–6. Jahrhundert).gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Taekkyon: die Kampfkunst des Volkes

In der Joseon-Zeit war Taekkyon vor allem beim einfachen Volk verbreitet. Typisch sind fließende, fast tänzerische Bewegungen, bei denen die Beine eine ebenso große Rolle spielen wie die Hände. Während der japanischen Besatzung geriet Taekkyon beinahe in Vergessenheit. Dass es überlebt hat, ist vor allem dem Meister Song Deok-gi zu verdanken. 1983 wurde Taekkyon in Südkorea als Kulturgut geschützt, und 2011 nahm die UNESCO es als erste Kampfkunst überhaupt in die Liste des immateriellen Kulturerbes auf.

Gemälde eines Volksfests: Zuschauer sitzen im Kreis, in der Mitte stehen sich zwei Männer in Kampfhaltung gegenüber, darüber ringen zwei weitere
Das Gemälde „Daekwaedo“ von Yu Suk (1846) zeigt ein Volksfest: oben zwei Ringer (Ssireum), in der Mitte zwei Männer beim Taekkyon.Yu Suk, gemeinfrei, via Wikimedia Commons, Ausschnitt

Auch am Königshof wurde die Kampfkunst gepflegt: 1790 ließ König Jeongjo das MilitärhandbuchMuye Dobo Tongji zusammenstellen, an dem unter anderem der Gelehrte Yi Deok-mu mitarbeitete. Es beschreibt 24 Kampftechniken für Soldaten, die meisten davon mit Waffen. Ein Kapitel ist dem waffenlosen Kampf gewidmet, dem Gwonbeop nach chinesischem Vorbild.

Buchseite mit chinesischen Schriftzeichen und zwei Holzschnitt-Figuren in Kampfhaltung
Seite aus dem Gwonbeop-Kapitel des Muye Dobo Tongji (1790).CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Besatzungszeit

Von 1910 bis 1945 war Korea von Japan besetzt. Koreanische Traditionen, darunter auch die eigenen Kampfkünste, wurden in dieser Zeit unterdrückt. Gleichzeitig kamen japanische Kampfkünste wie Judo, Kendo und Karate ins Land. Viele junge Koreaner lernten Karate während ihres Studiums in Japan, einige auch chinesische Kampfkünste in der Mandschurei.

Die fünf ursprünglichen Kampfschulen

Zwischen 1944 und 1946 gründeten Koreaner, die im Ausland Kampfkünste gelernt hatten, in Seoul und Kaesong die ersten eigenen Schulen, die sogenannten Kwan. Unterrichtet wurde zunächst vor allem Karate unter koreanischen Namen wie Tang Soo Do oder Kong Soo Do. Aus diesen fünf Schulen ist das heutige Taekwondo hervorgegangen:

  • Chung Do Kwan 1944

    Lee Won-kuk

    Lernte während seines Studiums in Tokio Shotokan-Karate und unterrichtete in Seoul Tang Soo Do.

  • Song Moo Kwan 1944

    Ro Byung-jik

    Lernte ebenfalls Shotokan-Karate in Japan und gründete seine Schule in Kaesong.

  • Moo Duk Kwan 1945

    Hwang Kee

    Beschäftigte sich nach eigenen Angaben in der Mandschurei mit chinesischen Kampfkünsten und mit Karate. Er unterrichtete Hwa Soo Do und Tang Soo Do, später Soo Bahk Do.

  • Yun Moo Kwan 1946

    Chun Sang-sup

    Lernte in Japan Judo und Karate und unterrichtete Kong Soo Do in einer Judoschule in Seoul.

  • Chang Moo Kwan 1946

    Yoon Byung-in

    Lernte in der Mandschurei chinesisches Quanfa (Kung-Fu) und in Japan Shudokan-Karate. Er unterrichtete Kwon Bop im YMCA in Seoul.

Ein gemeinsamer Name

Der Koreakrieg (1950–1953) traf auch die jungen Schulen hart: Einige Gründer kamen ums Leben oder gingen verloren, andere verließen das Land, und ihre Schüler führten die Schulen weiter. Neue Kwan entstanden, unter anderem in der Armee unter General Choi Hong-hi. Allmählich lösten sich die Schulen vom japanischen Vorbild: Die Techniken wurden weiterentwickelt, vor allem die Fußtechniken, die heute das Markenzeichen des Taekwondo sind.

Am 11. April 1955 einigte sich eine Kommission auf den Namen Taekwon-Do, den Choi Hong-hi vorgeschlagen hatte. Er sollte auch an das traditionelle Taekkyon erinnern. Bis sich der Name bei allen Schulen durchsetzte, dauerte es allerdings noch einige Jahre.

Vom Verband zur Weltsportart

Aus dem gemeinsamen Ursprung gingen zwei internationale Verbände hervor, die bis heute nebeneinander bestehen: die International Taekwon-Do Federation (ITF) und World Taekwondo gemeinsam mit dem Kukkiwon.

Das Kukkiwon: ein Gebäude mit geschwungenem grünem Ziegeldach und blauem Dach, umgeben von Bäumen und Hochhäusern
Das Kukkiwon in Seoul, seit 1972 das Weltzentrum des Taekwondo.Seoul Institute, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons, zugeschnitten
  1. 1955

    Der Name „Taekwondo“ wird von einer Kommission aus Meistern und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens festgelegt.

  2. 1959

    Gründung der Korea Taekwondo Association als gemeinsamer Verband der Schulen.

  3. 1966

    General Choi Hong-hi gründet die International Taekwon-Do Federation (ITF).

  4. 1972

    Eröffnung des Kukkiwon in Seoul, das bis heute als Weltzentrum des Taekwondo die Dan-Grade vergibt.

  5. 1973

    Gründung der World Taekwondo Federation (WTF, seit 2017 „World Taekwondo“) und erste Weltmeisterschaft in Seoul.

  6. 1988

    Taekwondo ist Demonstrationssportart bei den Olympischen Spielen in Seoul, 1992 erneut in Barcelona.

  7. 2000

    In Sydney ist Taekwondo erstmals offizielle olympische Sportart.

  8. 2021

    Para-Taekwondo feiert bei den Paralympischen Spielen in Tokio Premiere.

World Taekwondo und ITF: Was ist der Unterschied?

Beide Richtungen haben dieselben Wurzeln, und in beiden werden Grundtechniken, Formen, Zweikampf und Selbstverteidigung trainiert. Getrennt haben sich die Wege vor allem aus politischen Gründen: Choi Hong-hi verließ Südkorea 1972 und führte die ITF aus dem Ausland weiter, während in Seoul das Kukkiwon und die WTF entstanden. Nach Chois Tod im Jahr 2002 zerfiel die ITF außerdem in mehrere Verbände, die alle denselben Namen tragen.

Zwei Taekwondo-Kämpfer mit Kopfschutz und Trefferwesten; einer trifft mit einem hohen Fußtritt den Kopfschutz des anderen
Olympisches Taekwondo bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro: Kampf mit Kopfschutz und elektronischen Trefferwesten.Javid Nikpour/Tasnim, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Im Training und im Wettkampf zeigen sich die Unterschiede vor allem hier:

MerkmalWorld Taekwondo & KukkiwonITF
GegründetKukkiwon 1972, WTF 1973 – beide in Seoul1966 in Seoul, ab 1972 mit Sitz im Ausland
SchreibweiseTaekwondomeist Taekwon-Do
FormenPoomsae: Taegeuk 1–8 für die Schülergrade, danach Koryo, Keumgang und weitereTul: 24 Formen, etwa Chon-Ji und Dan-Gun
ZweikampfVollkontakt mit Kopf- und Körperschutz und elektronischer Trefferwertung; Fauststöße zum Kopf sind verbotenmeist Leichtkontakt mit Hand- und Fußschützern; Faust- und Fußtechniken zum Kopf sind erlaubt
GraduierungenDan-Urkunden des Kukkiwon, für Kinder unter 15 Jahren Poom-GradeDan-Grade über den jeweiligen ITF-Verband
Olympiaolympische Sportart seit 2000nicht olympisch